173,7 Seemeilen auf der DONAU
Diese Zeile ist, wenn sie gesprochen wird, gewiss für den unbefangenen Zuhörer missverständlich, weil sie unweigerlich mit dem großen süddeutschen Strom in Zusammenhang gebracht wird.
Geschrieben sieht die Sache - jedenfalls für den Kenner - natürlich anders aus: 173,73 Seemeilen auf der DONAU (in Großbuchstaben, weil Schiffsname) stehen in unserem Fall für eine dokumentierte Seefahrt vom 21. bis 23. August 2006 auf dem Tender DONAU mit der Kennung A 516, die von der Strecke Warnemünde –Sassnitz Reede im Prorer Wiek, nahe der Pommerschen Bucht, und zurück nach Warnemünde beschrieben wird.
Der Tender gehörte bisher zum aufgelösten 2. Schnellbootgeschwader
und wird nunmehr folgenden Auftrag beim 1. Korvettengeschwader wahrnehmen:
Hauptsächlich Versorgung vom 1. Korvettengeschwader in See mit Kraftstoff,
Wasser. Lebensmitteln, Ersatzteilen und Munition. Hierdurch kann die Seedauer
der versorgten Boote erheblich verlängert werden. Wenn es die Lage
erfordert, ist ein Stab des 1. Korvettengeschwaders eingeschifft, um die
Korvetten vom Tender aus zu führen. Im übrigen unterstützen
die überwiegend eingeschifften Soldaten der System-unterstützungsgruppe
die Korvetten bei Instandsetzungsarbeiten. Zudem gewährleistet der
Tender mit seinen Müllentsorgungseinrichtung und Abwasseraufbereitungsanlage
eine umweltgerechte Entsorgung der im Bordbetrieb entstehenden Abfälle.
Weiterhin verfügt er über eine Krankenstation sowie über
die Möglichkeit des Betriebes von Hubschraubern auf dem Achterdeck.
Mit diesem Grundwissen ausgestattet, das uns bereits vor dem Auslaufen unserer vorübergehenden maritimen Heimat der Kommandant des Tenders, KKpt Hauke Bunks, und der S 3 des 1.Korvettengeschwaders, KKpt Liebich, vermittelt hatten, haben wir von Beginn an einen optimalen Einblick in die Arbeitsabläufe an Bord der DONAU gewinnen können.
Bis zum geplanten Lichten der Anker gegen 16:00 Uhr waren die angemeldeten
sechs Sprecher bzw. deren Vertreter folgender Info-Crewen praktisch komplett:
23/91, 30/96, 32/97, 33/97, 39/00 und 41/01. Bei günstigem Wetter,
auch wenn beim Ablegemanövier der auflandige Wind für den auf
Steuerbordseite am Kai ankernden Tender den Einsatz des Schleppers erforderte,
trat der Tender seine Fahrt in das Zielgebiet östlich vor Rügen
an. Wie genau eine Seefahrt dokumentiert wird, wurde uns anhand eines
Auszuges aus dem Schiffstagebuch/Loggbuch, in dem alle Daten der Navigation,
der Meteorologie sowie alle Ereignisse und Vorkommnisse eingetragen werden,
was natürlich unsere Segel-Fans unter uns alles wussten. Uns persönlich
betrafen Eintragungen von Montag, dem 21. August 2006, auf den Seiten
136 und 137, die im Zusammenhang etwa wie folgt aussahen:
Seekanal Rostock
16:47, rw. Kurs 009, 14 kn
16:47 Revierfahrt beendet beide Anker seefest Geograph aus
16:50 QSA aus, Bb-Rudermaschinenpumpe aus
17:12 Belehrung Rettungsweste durch HBtsm Kulp durchgeführt
Belehrte :
Herr Clasen
Herr Olomski
Herr Winter
Herr Wittemann
Herr Paeslack
HBtsm Kulp
Nach stündlichen Positionseintragungen und Wettereintragungen (Wind,
See, Sicht, Wolkenbedeckung, Lufttemperatur, Luftdruck und Wassertemperatur)
hier weitere Bordereignisse, an denen wir beteiligt wurden:
18:52 Handwaffenschießen beginnt 19:07 z.Ü. Boje über
Bord, QSA ein
Soweit Auszüge aus den Seiten 136 und 137 des Schiffstagebuchs des
Tenders DONAU.
Der Transit nach Reede Sassnitz endete mit dem Fallen der Anker um 22:30
Uhr. Während des Anker-manövers war die DONAU, bis auf die beiden
weißen Lichter als vorgeschriebene Ankerlichter, abgedunkelt.
Am nächsten Morgen, es war der 22. August, begann die Übung
des auf dem Gewässerschutzschiff ARKONA eingeschifften Havariekommandos,
bei dem die DONAU die eher passive Rolle des Havaristen zu übernehmen
hatte. Schwerpunkt: Schleppen Tender DONAU, Hilfeleistung in See für
DONAU. Dahinter verbarg sich folgendes Szenario: Östlich von Rügen
war es zu einer Kollision mit der DONAU gekommen. Der Tender drohte auf
die Steilküste zuzutreiben, verliert Öl und hat Fässer
mit Lösungsmitteln an Bord, die leck sind.
Eingesetzt wurden sechs Schiffe:
Unter Einschluss der DONAU das Gewässerschutzschiff ARCONA mit 10 Feuerwehrleuten an Bord, der Schlepper FAIRPLAY 25, die GÖRMITZ von der Schiffahrtspolizei Stralsund und der Feuerwehr an Bord, das Ölauffangschiff BOTTSAND, und das Schutzschiff VILM. Die Retter mussten den Havaristen auf einen Notliegeplatz schleppen und die Gefahrgutlage bewältigen. Die Spezialisten wurden mit einem Hubschrauber vom Typ Sea-King auf der ARCONA abgesetzt und, soweit erforderlich, mit einem Speedboat zu ihren Einsatzorten gebracht.
Optisch für uns sichtbar war neben der Schwerstarbeit von eigener Besatzung und den Schleppern die Eingrenzung des fiktiven Ölverlustes und das Auffangen und Absaugen des ausgetretenen Öls. Das war einmal das Legen einer mobilen Ölsperre durch die ARKONA, zum anderen der Einsatz des Ölauffangschiffes BOTTSAND. Dieses Schiff war für uns wohl am interessantesten, weil es in der Mittelachse aufklappbar ist. Die beiden Schiffshälften können dabei ein offenes Dreieick von ca. 65 Grad bilden. Die in dem Dreieck zusammengeschobenen Ölschicht wird mit einer Abschöpfungsvorrichtung mit einem Wasserabscheidesystem abgesaugt und gelangt in bordeigenen Sammeltanks. Übereinstimmend wurde von einer gelungenen Übung bei Schleppen, Zusammenarbeit, Funkverkehr und Feuerwehreinsatz gesprochen.
Transit nach Warnemünde Reede wurde gegen 14:30 Uhr angetreten. Gegen 22:00 Uhr, nach dem die Anker gefallen waren, Ankerbier mit der Besatzung, soweit nicht Dienstposten zu besetzen waren, auf dem Manöverdeck und Verabschiedung der Reunion-Crew durch KKpt Hauke Bunks, der jedem von uns eine Urkunde über die mit der DONAU zurückgelegten 173,7 Seemeilen und den beiden Mützenbändern des ehemaligen 2.Schnellbootgeschwaders und des neuen 1.Korvettengeschwaders überreicht bekam. Wir unsererseits bedankten uns für die kameradschaftliche Aufnahme an Bord bei dem Kommandanten und der Besatzung, sowie bei den Vorsitzenden der vier Messen. Es war schließlich der letzte gemeinsame Abend.
Und am Mittwoch, dem 23.August 2006, befand sich die DONAU in einer anderen Rolle. In unseren Unterlagen wurde unverfänglich von Ausbildungsunterstützung für die Bundespolizei (Schwerpunkt: Verbringen von Maritimen Einsatzgruppen und Versorgungsmanöver) gesprochen. Tatsächlich waren wir zwar wieder ein Handelsschiff mit etwa 10 Mann Besatzung (dargestellt durch übergestreifte weiße Polohemden). Unter diesen Kameraden sollten sich Terroristen verborgen haben. Da befürchtet wurde, dass auch auf anderen Schiffen Terroristen Unterschlupf gefunden hätten, wurde nun auch die nach wie vor auf Warnemünde Reede liegende DONAU durch eine maritime Einsatzgruppe der Bundespolizei (See) durchsucht.
Das Prisenkommando enterte von Schlepper Y 1896 die DONAU und forderte
den Kommandanten (Üb) KptLt Jens Schöder auf der Brücke
auf, die Besatzung sich mit Personalpapieren in der Messe zu versammeln
zu lassen. Ausgenommen hiervon die auf der Brücke tätigen Besatzungs-angehörigen,
deren Identität anhand von Personaldokumenten überprüft
werden konnte. Widerstand war sinnlos; die schwer bewaffneten, mit schwarzer
Schutzkleidung und Helmen ausgestatteten Polizeibeamten ließen in
dieser Ausstattung keinen Zweifel daran aufkommen. Und doch gab es einen
Fall von Widerstand. Hier fehlten die entsprechenden Dokumente. Das Einsatzkommando
drängte den Betreffenden ins benachbarte Kartenhaus, wo er sich aber
der Leibesvisitation zur Wehr setzte. Die Polizei vermutete nun, dass
es sich hier um einen steckbrieflich gesuchten Terroristen handeln könnte,
und reagierte mit Verhaftung, Fesselung zur Verhinderung der Flucht und
Ankündigung der Verbringung von Bord durch Hubschrauber an die zuständigen
Stellen an Land.
Dramatischer Zwischenfall auf dem Flugdeck, als der Verhaftete das Bewusstsein
verlor und theatralisch gekonnt zusammenbrach. Auf einer Tragbahre mussten
ihn sechs Besatzungsangehörige abtransportieren.
Das weitere Schicksal des Verhafteten haben wir aus technischen Gründen
nicht weiter verfolgen können. Am Nachmittag war der HGfr Russe,
der in diesen Vorgang involviert war und dabei auch sein schauspielerisches
Talent beweisen konnte, jedoch wieder, allerdings ohne weißes Polohemd,
auf seinem Arbeitsplatz auf der Brücke.
Bei der Abschlussbesprechung dieser Übungslage mit der Bundespolizei
(See) kamen die Leistungen der Besatzung der DONAU zu einer sehr guten
Beurteilung, worüber natürlich auch wir uns gefreut haben.
Und nun gab es nur einen Kurs: Richtung MStpkt Hohe Düne.
Nach einem Abschlussgespräch mit dem Kommandeur 1.Korvettengeschwader,
Fregattenkapitän Johannes Schmidt-Thomèe, Kommandant Donau,
Korvettenkapitän Hauke Bunks und Info-Crew der Reunion gingen für
uns eindrucksvolle Tage an Bord der DONAU zu Ende. Wir konnten in den
wenigen Tagen einen fundierten Einblick in den Schiffsalltag nehmen. Wir
sind von Bord gegangen mit dem Gefühl, etwas von vorgelebter, beispielhafter
Bordkameradschaft nach Hause mitnehmen zu dürfen. Es ist wirklich
wert, sich auch als Reunionsmitglied für die Belange der Deutschen
Marine einzusetzen.
Bernhard Paeslack, Sprecher Info-Crew 23/91